Die Frau aus der Flasche, Salim Matar

 


Aus meinem früheren Leben erinnere ich mich an nichts als an die sieben Jahre Krieg, die ich hin- und hergetrieben zwischen den Schützengräben des Todes, den Sümpfen, Wüsten und Bergen zubrachte. Ich erinnere mich, dass Kampfflieger unseren Lastwagen angriffen, als wir einige Monate nach Ausbruch des Krieges auf der Wüstenstraße unterwegs Richtung Basra waren. Sie sprengten ihn in die Luft mitsamt den Soldaten drinnen, die nicht die Gelegenheit hatten, mit uns zu fliehen. Wir stoben auseinander wie wilde Tiere, deren Käfige plötzlich aufgebrochen waren. Wir rannten über Sand, Felsen und Hügel, weit weg von den Augen eines unermüdlichen Piloten, der hinter seiner Gruppe zurückblieb und uns seltsam hartnäckig mit seinen Geschossen verfolgte, so, als kenne er uns persönlich.

Der Zufall wollte es, dass gerade eine Beduinenkarawane vorbeikam, die sich auf ihrem Weg von der Südgrenze zur Westgrenze des Landes befand. Ich nahm Zuflucht bei ihnen, als sie mich nachts umherirren fanden, denn ich hatte beschlossen, so lange in der Wüste herumzuwandern, bis ich stürbe, um nur nicht an die Front zurückgehen zu müssen. Ich flehte den Scheich der Karawane an:
»Bitte, ich stelle mich unter deinen Schutz! Helft mir, dann wird Gott euch helfen!«

Jetzt, wo ich in Genf bin, kann ich mit völliger Sicherheit behaupten, dass jener Scheich der Karawane trotz seines einfachen Aussehens die Würde eines Königs und den Ernst eines Propheten besaß. In meiner Erinnerung erscheint mir nun das verschwommene Bild jenes Scheichs, den sein Stamm Abu Yahya nannte. Er war wie ein Spiegel, in dem sich Spuren von Orten, Zeitaltern und Völkern spiegelten. Er war ein märchenhafter Zauberer, ein kundiger Weiser und ein erfahrener Beduine. Als er meiner Geschichte lauschte, schüttelte er den Kopf und starrte auf die Linien, die ich in den Sand gezeichnet hatte. Er sagte mir viele Dinge voraus, die ich erst glaubte, als ich sie durchlebte. Er teilte mir mit, was mir in den kommenden sieben Jahren widerfahren würde: meine Fluchtversuche und Verlegungen mit der Truppe, ja, er offenbarte mir sogar noch Wichtigeres als das, nämlich die Geschichte der Frau aus der Flasche, auf die ich nach sieben Jahren in Genf stoßen würde.
Ich glaubte ihm nicht. Ich flehte ihn an, mich zur Grenze zu bringen. Ich wollte mich über den Euphrat nach Syrien einschleichen, von dort aus in den Libanon und da versuchen, einen Pass für die Reise nach Europa zu kriegen. Er versprach mir, es um meinetwillen zu versuchen. Aber nach drei Wochen war er gezwungen – genau so, wie er es vorausgesehen hatte –, mich einer Militärtruppe zu übergeben, die uns unterwegs angehalten hatte. Ein Offizier mit rotem Schnauzbart und blauen Augen hatte entdeckt, dass ich nicht zum Stamm gehörte. Anfangs wehrte sich der Scheich gegen meine Auslieferung. Und fast wäre zwischen den beiden Krieg ausgebrochen, hätte nicht der Offizier letztendlich entdeckt, dass diese Be-duinen zum Stamm seiner Verwandten mütterlicherseits gehörten.
Der Offizier zog sich mit dem Scheich hinter die Ruinen eines verlassenen Tempels zurück, um mein Schicksal zu bestimmen. Als sie zurückkamen, überzeugte mich der Scheich, mich selbst zu stellen, da der Offizier bei seiner Ehre geschworen hatte, mein Leben zu schonen und mich vor dem Todesurteil zu bewahren. Er wollte mich den zuständigen Behörden selbst übergeben und sagen, ich wäre kein Deserteur, sondern hätte mich in der Wüste verirrt.

Nach etwas weniger als einem Jahr unternahm ich meinen zweiten Fluchtversuch. An einem Tag im Herbst streckte ich meinen Kopf aus dem Schützengraben und sah die Sonne untergehen. Sie legte einen goldenen Überzug über die Sümpfe und überall verbreitete sich ein fauler Gestank.
Angesichts dieser einsamen Stille spürte ich einen Tumult in meinem Inneren, der von einer Menschenschar ausging – Menschen, die miteinander stritten und sich über einander lustig machten. Ich nahm mir vor zu fliehen, so dass sie vielleicht endlich Ruhe gäben. Also kroch ich auf dem Bauch in einen Papyruswald hinein. Die Wildschweine, die Wasserschlangen, die Vögel und die Wasserbüffel lebten immer noch unter dem Schock des Zusammentreffens mit uns, denn wir, die Enkel ihrer Herren, waren mit Tieren aus Eisen zurückgekommen und mit modernen Zerstörungsmethoden, wir hatten Schützengräben gegraben und ein höllisches Spiel begonnen. Selbst die Gefühle dieser wilden Tiere waren unter Schock, ihr Mut hatte sie verlassen. Sie flohen vor jeder Bewegung, selbst wenn sie von ei-nem anderen Tier herrührte.

Ich sagte mir also: »Ich werde fliehen und bei Stämmen weit weg Zuflucht suchen, vielleicht ergibt sich ja dann eine Möglichkeit, außer Landes zu fliehen«. Aber plötzlich tauchten feindliche Soldaten aus dem Gebüsch auf, so wie es in Abenteuerfilmen immer passiert. Sie riefen »Allahu akbar« und stürzten sich auf mich. Obwohl ich mich ergab, bestand einer von ihnen darauf, meine Schulter mit dem Bajonett zu durchstoßen, um meiner vollkommenen Niederlage auch sicher zu sein. Dann zogen sie mich gefesselt hinter sich her wie einen Hund.

Jetzt, nachdem viele Jahre verflossen sind und mir die Geschichte der Frau aus der Flasche bekannt ist, kann ich sagen, dass ich an jenem Tag meiner Flucht eine solch wundersame Stimmung durchlebte, die mit der Stimmung in ihrer Geschichte vergleichbar ist. Als mich die Soldaten durch die Sümpfe zu ihrer Stellung brachten, war es bereits Abend geworden. Die Wunde an meiner Schulter blutete immer noch. Die Leute in meinem Inneren erwachten aus ihrer Trance, streckten sich und stellten mir Fragen, die sich geschwind in ernste Zweifel, Vorwürfe, Beschimpfungen und Pochen in meiner Brust verwandelten. Ich spürte Trauer aufkeimen, größer werden, sich zusammenballen und in eine Flamme aufgehen, die meine Eingeweide zerriss und sich bis in meine Glieder und in meinen Kopf erstreckte.

Plötzlich und ohne dass ich wusste wie, erschütterte ein Schrei, wie ich ihn noch nie zuvor vernommen hatte, die Welt. Die Erde dehnte sich unter mir aus und ein blitzartiges Licht durchzuckte den Himmel. Dann wusste ich nicht mehr, was geschah ... Es war, als wäre ich zersplittert und im ganzen All verstreut! Nach einer Irrfahrt in Welten aus Licht, Farben und Geistern erschien schließlich ganz klar ein grünes Paradies, in dem schneeweiße Häuser verstreut in Gärten und Wiesen standen, Bäche, die sich in Seen ergossen, auf deren Oberfläche Prozessionen von Liebenden, von Houris, die wie Heilige waren, und von kindergleichen Engeln trieben. Und ich, ein primitives Wesen, geschwächt von der Wunde und der Schande der Niederlage, kroch auf das Ufer zu, um die Prozessionen zu erreichen. Aber dann ertrank ich in einem Wasserstrudel ... ich sank tiefer und tiefer ... und in dem Augenblick, in dem ich meinen letzten Lebensodem ausstoßen wollte, öffnete ich die Augen!

Ich kam wieder zu mir in einem Lastwagen, als mir ein Soldat mit verschrammtem Gesicht, strengem Ausdruck und zerrissenen Kleidern Wasser über den Kopf goss. Dann nahm er sein Gewehr auseinander, wischte das Blut von seinem Bajonett ab und sagte zu mir: »Da siehst du’s, wie wir dich gerettet haben! Gott sei Dank hat dich die Bombe nicht getroffen! Aber die, die haben wir in ihr Paradies gejagt, alle auf einen Schlag!«

Als ich mich bewegen wollte, erstarrten meine Glieder und ich spürte, wie Stücke meines verbrannten Fleisches herabfielen und an meinen zerlumpten Kleidern klebten.

***
Kaum waren einige Monate vergangen, da unternahm ich den dritten Fluchtversuch. Bevor noch meine Verbrennungen und meine Wunden verheilt waren, schickten sie mich an die Front zurück. Seit sie mir abermals die Militäruniform angezogen hatten, regten sich wieder die Menschen in meinem Inneren, die sich während der Heilungsphase nicht gemuckst hatten. Erneut und mit noch größerer Gewalt ergriff mich der Fluchtgedanke.

Im Juni 1984, als das dritte Kriegsjahr noch nicht ganz herum war, begann ich, einige meiner Freunde, ägyptische Migranten, zu kontaktieren. Nach vielem Hin und Her machten sie mich mit einem jungen Mann bekannt, der halb Ägypter und halb Tunesier war und von daher zwei Pässe mit nicht ganz ähnlichen Namen besaß, ohne dass die beiden Staaten Kenntnis vom jeweils anderen Pass hatten. Glücklicherweise ähnelte mir der junge Mann auf verblüffende Weise, ja, er hätte mein Zwillingsbruder sein können! Wegen dieser frappierenden Ähnlichkeit freundete er sich mit mir an und schenkte mir vom ersten Augenblick an sein Vertrauen. So beschloss er, mir seinen tunesischen Pass auszuleihen in der Hoffnung, ihn nach meiner Niederlassung in Europa zurückzuerhalten. In kurzer Zeit brachte er mir die Grundzüge des tunesischen Dialektes bei, der sich nicht sonderlich vom irakischen Dialekt unterscheidet.

Der Europa-Traum hatte sich in mir in einen Schrei der Rebellion verwandelt, den die Leute in meinem Inneren skandierten, wobei sie an die Wand meiner Seele klopften und pochten. Es war an einem Donnerstagabend, als ich Fronturlaub bekam. Um fünf Uhr erreichte ich den vereinbarten Treffpunkt mit meinem ägyptisch-tunesischen Freund, um sieben hatte ich den Pass in der Tasche und um zehn Uhr saß ich im Bus Richtung Istanbul.

Es kümmerte mich nicht, was ich dort machen würde. Es zählte einzig und allein, aus dieser Hölle herauszukommen, und danach wäre es egal, wo und wohin. Während der Stunden unterwegs, bis mich die Sicherheitskräfte im Morgengrauen aufweckten, hatte ich meine Augen geschlossen und sah so die letzten Lichter Bagdads nicht mehr. In meinen Kopf hatten sich Bilder einer hell erleuchteten Stadt eingeschlichen, die inmitten zweier Gebirgsketten um einen See herum lag. Später erkannte ich, dass das Genf gewesen war!

Es war einfach Pech, dass sie eine Ähnlichkeit entdeckten zwischen meinem Na-men im Pass und dem eines Gesuchten und mich festnahmen. Bevor sie mich in jener Nacht verhören und meine wahre Identität feststellen konnten, ließ ich ihnen den Pass zurück und floh aus dem Fenster. Ich kehrte zu meiner Einheit zurück, ohne dass jemand meinen Fluchtversuch auch nur bemerkt hätte.

***
Der vierte Versuch fand im Winter 1985 statt. Ich floh mit einem Kameraden tief in die Sümpfe hinein, wo wir uns einer Gruppe von Rebellen anschlossen, die de-sertiert waren. Mein Kamerad war ganz davon besessen, sich einen runterzuholen und sich dabei die Frauen seiner Feinde vorzustellen. Er hatte als kleiner Junge damit begonnen und sich dabei Golda Meir vorgestellt, und später ging es dann weiter mit Mrs. Thatcher, die er jede Nacht in seinen Armen aufstöhnen ließ.

Er war noch verrückter als ich in seinem Bestreben, nach Europa zu kommen. Wir schlossen uns also den Sumpfrebellen an in der Hoffnung, uns irgendwie befreien zu können. Wir führten jetzt einen Krieg ganz anderer Art. Es ging nicht mehr um das Land, sondern darum, unser tägliches Brot zu beschaffen. Wir legten uns hohe militärische Rangabzeichen zu und hielten die Karawanen an, um sie mit unseren gefälschten Befehlen auszurauben. Wir zogen grüppchenweise umher, versteckt vor den Augen der Helikopter, die brennende Geschosse auf das Gebüsch unserer Zufluchtstätte abwarfen. Wir waren wie Raubtiere, die von allen Seiten von schleichendem Aussterben bedroht sind: von unseren eigenen Soldaten im Westen, von den Soldaten unserer Nachbarn im Osten und von den Spitzeln der Regierung in unseren eigenen Reihen.

Die Natur lauerte uns auf mit ihren Plagen und Heimsuchungen: Stechmücken, Malaria, Schlangenbisse, Skorpione und bissige Wildschweine. Dazu kamen die Granaten und Bomben, die der Himmel uns von Zeit zu Zeit schickte und die ihre Ziele verfehlt hatten und uns fast auf den Kopf fielen. Ich wurde ein Opfer der Mücken, die über mich herfielen und in meinem Blut die Malariakeime verbreiteten. In meinen Fieberanfällen schloss ich die Augen und sah, dass der Tod mein Inneres bereits besudelt hatte. Es war – wie das Wasser in den Sümpfen – mit Pulver, Erdöl und Soldatenleichen vermischt.

Mein Kamerad starb an meiner Seite, während er mich zu trösten versuchte. Er beugte sich gerade über das Ufer, als ihn eine pfeifende Kugel ins Genick traf. Er streckte sich ruhig auf dem Rücken aus, als wolle er wie immer seiner Gewohnheit frönen, sich am Bild der Frau seines Mörders zu ergötzen, lächelte unter Schmerzen und flüsterte entschuldigend: »Dann ist es halt so. Das ist mein Schicksal ...«, und dann starb er.

Gebrochen kehrte ich nach Bagdad zurück, nachdem die Flieger und die Verräter unsere Gruppe aufgerieben hatten und die Malaria mich gänzlich erschöpft hatte. Ich kehrte zurück, nicht um im Kreis meiner Familie und Freunde, an die ich mich nicht mehr erinnern konnte, zu sterben, sondern weil ich keine andere Wahl hatte. Aber sie verurteilten mich nicht zum Tode. Ich weiß nicht, ob es mein Glück oder mein Unglück bedeutete, aber sie betrachteten mich als einen, auf den die Amnestie für Deserteure zutraf. Sie brachten mich ins Krankenhaus, wo sie mich kurierten und dann an die Front zurückschickten.

Aus dem Arabischen von Leslie Tramontini

 

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